Kurzsichtigkeit bei Kindern

Die Häufigkeit der Kurzsichtigkeit hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Etwa 35-50% aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Europa und den USA sind kurzsichtig. In einigen Ländern Asiens liegt der Anteil bei etwa 90%.

 

"Die Zunahme der Kurzsichtigkeit liegt unter anderem an veränderten Lebensgewohnheiten, wie langem Aufenthalt in Innenräumen (zu wenig Licht) und ausdauernder Naharbeit (Lesen, Smartphone).“

Was ist Kurzsichtigkeit (Myopie)?

Man spricht von Kurzsichtigkeit, wenn Gegenstände in der Nähe scharf gesehen, aber in der Ferne verschwommen wahrgenommen werden. Die Hauptursache der Kurzsichtigkeit ist ein zu langer Augapfel bzw. eine zu große Achsenlänge. Ins Auge fallende Lichtstrahlen bilden ihren Brennpunkt dann vor und nicht direkt auf der Netzhaut und führen zu einem unscharfen Bild.

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass mein Kind kurzsichtig wird?

Neben den veränderten Lebensgewohnheiten, spielt es bei der Entwicklung der Kurzsichtigkeit ebenfalls eine wichtige Rolle, ob ein oder beide Elternteile kurzsichtig sind. 

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind kurzsichtig wird, beträgt:

  • 10% - wenn kein Elternteil kurzsichtig ist.
  • 30 % – wenn ein Elternteil kurzsichtig ist.
  • 60 % – wenn beide Elternteile kurzsichtig sind.

Studien belegen, dass neben einer genetischen Veranlagung sich besonders Umweltfaktoren wie Bildung, Beruf und Freizeitgestaltung auf die Entwicklung der Kurzsichtigkeit auswirken. Das Längenwachstum des Auges unterliegt einem regelkreisgesteuerten Prozess: viel Naharbeit und häufiger Aufenthalt in Innenräumen scheinen das Längenwachstum des Auges zu fördern, Tageslicht verringert es. Tageslicht ist deutlich intensiver als das Licht in Innenräumen, selbst an einem bewölkten, regnerischen Tag. Lange Naharbeit fördert das Längenwachstum des Auges.

  • Kinder sollten sich täglich mindestens 2 Stunden im Freien aufhalten

    Dr. med. Cornelia Grunewald

Wann entsteht Kurzsichtigkeit?

Die meisten Kinder sind vor Schuleintritt normalsichtig oder leicht weitsichtig. Mit dem Schulbeginn beginnt ein neuer Lebensabschnitt. In dieser Zeit entwickelt sich die häufigste Form der Kurzsichtigkeit, die Schulmyopie. Je früher ein Kind kurzsichtig ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine hohe Kurzsichtigkeit im Erwachsenenalter, da die Augenlänge bis zum 30. Lebensjahr zunehmen kann.

 

„Kinder sollten sich täglich mindestens 2 Stunden im Freien aufhalten und den Fokus ihres Blicks möglichst oft wechseln. Langandauernde Naharbeiten sollten möglichst reduziert werden.“

Welche Spätfolgen drohen bei Kurzsichtigkeit?

Kurzsichtigkeit ist ein Risikofaktor für Netzhautablösung, Makulaerkrankungen und Glaukom (grüner Star).

Bei kurzsichtigen Menschen sind Netzhaut und Aderhaut durch das Längenwachstum des Augapfels gedehnt und verdünnt. Deshalb treten Netzhautablösungen bei kurzsichtigen Augen häufiger auf, wodurch das Augenlicht bedroht sein kann. 

Außerdem ist das Risiko für Makulaerkrankungen und den grünen Star (Glaukom) erhöht. Je stärker die Kurzsichtigkeit (Myopie), desto größer ist das Risiko für degenerative Augenerkrankungen im Erwachsenenalter.

Sorgen Sie vor, um das Risiko Ihres Kindes zu senken.

Aufgrund des erhöhten Risikos für bestimmte Augenerkrankungen bei Kurzsichtigkeit, ist es wichtig, nicht nur die Symptome der Kurzsichtigkeit mit Brillen oder Kontaktlinsen zu korrigieren, sondern das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bereits im Kindesalter einzudämmen.

 

Was können Eltern tun, deren Kinder kurzsichtig sind oder besonders gefährdet sind, eine Kurzsichtigkeit zu entwickeln?

Ist der Augapfel einmal zu lang,  kann dies nicht rückgängig gemacht werden. Kurzsichtigkeit kann jedoch in  einem gewissen Umfang eingedämmt werden.

Bisher konnten Augenärzte ihren jungen Patienten hauptsächlich empfehlen, sich viel im Freien aufzuhalten und häufiger in die Ferne zu blicken. Das ist angesichts der heutigen Lebenssituation mit Ganztagsschulen, Büchern und digitalen Geräten jedoch nicht in ausreichendem Maße möglich.

Zusätzlich zu diesen Empfehlungen gibt es eine Therapieoption mittels Atropin Augentropfen.

Atropin wird in einer Konzentration von 0,1% seit vielen Jahren bei augenärztlichen Untersuchungen eingesetzt, so zum Beispiel zur Erweiterung der Pupille. In einer deutlich geringeren Konzentration (0,01%) wird Atropin zur Verringerung des Fortschreitens der Myopie bei jungen kurzsichtigen Patienten angewendet.

Die effektive Wirkung der niedrig dosierten Atropin-Augentropfen wurde im Rahmen einer klinischen Studie 2014 durch Augenärzte aus Singapur bei Kindern im Alter von 6-12 Jahren gezeigt. Sie behandelten 400 kurzsichtige Kinder 2 Jahre lang mit unterschiedlich dosierten Atropin-Augentropfen. Nach weiteren 3 Jahren stellten sie fest, dass die geringste Dosis (0,01%) das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit am effektivsten verringert. Dabei wurde das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit um 80 Prozent verzögert.

Die Atropintropfen-Therapie

  • geringe Atropin-Dosierung 
  • verzögert das Fortschreiten der Myopie
  • kaum Nebenwirkungen

Atropin wurde früher aus der Tollkirsche gewonnen. In der Augenheilkunde setzt man es in einer Konzentration von 1% ein, um die Pupille vorübergehend weitzustellen. Die Konzentration von 0,01% hat sich gegen Kurzsichtigkeit als sehr effektiv herausgestellt. Diese Dosis beeinflusst die Akkommodation (Naheinstellungsreaktion) kaum. Die Pupille wird nur um ca. 1 Millimeter weiter gestellt. Selten wurden allergische Reaktionen beobachtet. Alle anderen bekannten Nebenwirkungen von Atropin wurden nicht festgestellt.

 

Wie erfolgt die Atropin- Augentropfentherapie?

Die Gabe erfolgt jeweils 1x abends in den unteren Bindehautsack. Durch den erforderlichen pH-Wert (Stabilität des Atropin) können die Tropfen etwas brennen.

 

Welche Untersuchungen erfolgen vor Beginn der Therapie?

 

Zunächst erfolgen in unserer Praxis nach einem Gespräch, in dem bestimmte Risikofaktoren besprochen werden, ein Sehtest und eine genaue Untersuchung des vorderen und hinteren Augenabschnitts. Die Refraktionswerte werden in Cycloplegie (vorübergehende Lähmung der Akkomodation) gemessen. Außerdem messen wir die Achsenlänge der Augen und analysieren die Hornhaut mittels berührungsloser moderner Verfahren.

 

 

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